logo-100-hanwag

Das Grüne Band wandern: Fast 1400 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Thorsten Hoyer hat es am Stück getan, in 24 Tagen. Und nimmt uns mit auf seiner Wanderung durch die abenteuerliche und dramatische Geschichte des geteilten Deutschlands. Er erzählt von Menschen, Schicksalen und dem Naturparadies Grünes Band. Eine Zeitreise in fünf Kapiteln.

Teil 1: Warum ›Grünes Band Deutschland‹?

Zur Person: Thorsten Hoyer ist einer der bekanntesten Weitwanderer – und Mitglied der HANWAG Sole People (–> Thorsten Hoyer im Porträt). Berühmt wurde der gebürtige Hesse und Wahl-Erfurter durch seine Schlaflos-Wanderungen – und durch die hier geschilderte Tour auf dem ›Grünen Band‹, die er am Stück in 24 Tagen absolvierte.

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie – was könnte den ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen in aller Kürze wohl treffender umschreiben? Und wie wurde daraus das ›Grüne Band‹, auf dem man heute die deutsch-deutsche Geschichte buchstäblich betreten kann?

Mehr als 40 Jahre war der Grenzstreifen Teil des sogenannten Eisernen Vorhangs, der Trennlinie zwischen den demokratischen Staaten im Westen und den Diktaturen im Osten Europas. Nirgendwo war diese Trennlinie ›dichter‹ als in Deutschland, wo die DDR-Grenzanlagen mit Kolonnenweg, Spurensicherungsstreifen, KFZ-Sperrgraben, Minenstreifen und Zäunen eine Manifestation der ideologischen und physischen Teilung der Gesellschaft darstellten. Zu dem fast 1400 Kilometer langen und bis zu 500 Meter breiten Streifen hatten nur Grenzsoldaten Zutritt, die Natur war sich selbst überlassen.

In der Folge entwickelten und verbanden sich unterschiedlichste Biotope: offene Wiesen- und Heideflächen, Fließ- und Standgewässer, Auenlandschaften und Wälder. Der Grenzstreifen wurde zu einem Rückzugsort für über 1200 bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands wurden die Grenzanlagen demontiert und das ›Grüne Band Deutschland‹ installiert. Pünktlich zu dessen 30-jährigem Jubiläum im Jahr 2020 erhielt das einzigartige Naturschutzprojekt den Titel ›Nationales Naturmonument‹, womit der übergeordnete Schutzstatus herausgestellt ist.

40 von knapp 1400 Kilometern: Die erste Etappe von Thorstens Wanderung auf dem Grünen Band.

»Wer auf dem Grünen Band wandert, erlebt verschiedenste Naturlandschaften«

Thorsten Hoyer

Die grüne Ader zieht sich durch ganz Europa. Der ›European Green Belt‹ reicht von Mittel- und Schwarzmeer bis an die Nordspitze Skandinaviens. Ein Teil davon: der Fernwanderweg ›Grünes Band‹ entlang der ehemaligen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Mehr Infos auf der Website des BUND.

Wer auf dem Grünen Band wandert, erlebt verschiedenste Naturlandschaften: vom Vogtland am Dreiländereck Sachsen-Bayern-Tschechien über das Mittelgebirge des Frankenwalds und entlang des mystischen Rennsteigs hinein in die Rhön mit ihren offenen Hügellandschaften. Entlang der Werra geht es durch den Harz mit seinen urigen Wäldern und der Brocken-Überquerung. Noch weiter nördlich bestimmt die Elbe das Landschaftsbild, bis die Wanderschuhe schließlich im weißen Sand des Ostseestrandes versinken.

Sind alleine das schon Gründe genug, sich auf den Weg zu machen, treiben mich noch ganz eigene an. Meine Lebensgeschichte ist mit der der deutsch-deutschen Teilung sowie der Wiedervereinigung eng verbunden. Mein Vater floh aus der DDR nach West-Berlin. Meinen Großvater, der in der DDR lebte, habe ich nur ein einziges Mal gesehen. Im Jahr 1979, ich war elf Jahre alt, reiste ich das erste Mal in die ›Zone‹. Ein paar Monate später gingen die Bilder der spektakulären Flucht zweier Familien um die Welt, die in einem selbstgebauten Heißluftballon geflüchtet waren.

Als Marinesoldat kreuzte ich an Bord eines U-Jagdbootes entlang der Seegrenze zum Warschauer Pakt und saß quasi über Nacht mit NVA-Soldaten in einer Hafenkneipe auf Rügen. Zehn Jahre später erwarb ich ein Auto des DDR-Fabrikats Wartburg. Auch wenn das Fahrzeug nicht lange bei mir war, die ehemalige Besitzerin ist es bis heute. Klar, dass die Hochzeit auf der Wartburg stattfand und ich meinen Lebensmittelpunkt vom ›Westen‹ in den ›Osten‹ verlegte. Es gibt also viele Verbindungen und den Wunsch, mich auf eine besondere Wanderschaft zu begeben: 24 Tage will ich dem einstigen Kolonnenweg, auf dem Grünen Band wandernd, folgen.

»Dann ist es soweit: Ich setze den ersten Schritt – fast 1400 Kilometer Wanderung liegen vor mir«

Thorsten Hoyer

Das Grüne Band wandern mit Thorsten Hoyer – alle Folgen im Überblick:

–> Teil 1: Warum eigentlich ›Das Grüne Band Deutschland‹?
–> Teil 2: Grenzerfahrungen am Grünen Band in Thüringen
–> Teil 3: Lochplatte um Lochplatte in Richtung Rhön
–> Teil 4: Thorstens Wegmarken zwischen Rhön und Harz
–> Teil 5: Der Ruf des Meeres und der Ruf der Freiheit

Dann ist es soweit: Ich setze den ersten Schritt – den ersten von weit mehr als 100.000 auf meinem Weg über das gesamte Grüne Band bis zur Ostsee. Fast 1400 Kilometer Wanderung liegen vor mir. Vom eigentlichen Kolonnenweg, den typischen Betonlochplatten, ist zunächst noch nichts zu sehen. Aber sie werden kommen, zäh und quälend lang. Zunächst sind es Feld- und Wiesenwege, denen ich durch eine weite, offene Landschaft folge. Gut sichtbar sind dagegen die kilometerlangen Sperrgräben, die Fluchten mit zivilen Fahrzeugen verhinderten.

Vom makellos blauen Himmel knallt die Sonne, als ich die Wüstung Hasenreuth passiere. Die erste von zahlreichen Siedlungen, deren Einwohner vertrieben und ihre Häuser aufgrund der Lage im Grenzstreifen abgerissen wurden. Irgendwann habe ich dann die ersten Lochplatten unter meinen Sohlen, die sich über endlose Kilometer parallel des Grenzzaunes durch Deutschland zogen. Wo einst Grenzsoldaten mit Trabis über den Beton knatterten, will ich 30 Jahre später wandern.

Warum Schuhgröße 46 meine Knöchel rettet

Es ist kurz nach sieben Uhr und ziemlich frisch an diesem Septembermorgen im äußersten Nordosten Bayerns. Wir, streckenweise werde ich von dem Filmemacher Philippe Opigez begleitet, stehen am Ufer der Regnitz, die sich direkt am Dreiländereck von Sachsen, Bayern und Tschechien durch schattigen Wald schlängelt. Als immer mehr Sonnenstrahlen ihren Weg durch das Grün des Waldes finden und eine wunderbare Stimmung schaffen, steigert das meine Heiterkeit zusätzlich.

Aber es ist nicht nur das herrliche Spätsommerwetter, es ist die Lust aufzubrechen. Endlich die wochenlangen Planungen hinter mir lassen und die erfüllende Anspannung des Losgehens genießen.

»Ich bin froh, auf großem Fuß zu leben«

Thorsten Hoyer

Und das klingt einfacher, als es tatsächlich ist. Denn abgesehen davon, dass ich im Schnitt rund 50 Kilometer täglich zurücklegen werde, erweisen sich die eingewachsenen Kanten der Platten sowie deren Löcher als echte Stolperfallen und eine Provokation für die Schuhe. Ich bin froh, auf großem Fuß zu leben, denn meine Schuhgröße 46 hilft mir beim Finden eines passenden Wanderrhythmus. Dennoch verzeihen die tückischen Löcher keinen Mangel an Aufmerksamkeit.

Bayern, Sachsen, Thüringen - vereint und markiert an dem Grenzstein ›Drei-Freistaaten-Stein‹.

Als ich den weltweit einzigen Drei-Freistaaten-Stein – das Dreiländereck der Freistaaten Bayern, Sachsen und Thüringen – erreiche, liegen rund 40 Kilometer hinter mir. Wie viele löchrige Platten das sind – ich habe keine Ahnung. Egal, ich freue mich auf einen Mitwanderer, den ich in Kürze treffe: Günter Wetzel. Er hatte die Idee zur Flucht mit einem Heißluftballon und nähte dessen Hülle. Davon dann im zweiten Teil meiner Wanderung auf dem Grünen Band.

Mit Thorsten Hoyer auf dem Grünen Band: Zum nächsten Kapitel

Schreibe einen Kommentar

Zurück nach oben