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Das Grüne Band wandern: Fast 1400 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Thorsten Hoyer hat es am Stück getan. Und nimmt uns mit auf seiner Wanderung durch die abenteuerliche und dramatische Geschichte des geteilten Deutschlands. Er erzählt von Menschen, Schicksalen und dem Naturparadies Grünes Band. Eine Zeitreise in fünf Kapiteln.

Teil 5: Der Ruf des Meeres und der Ruf der Freiheit

Zur Person: Thorsten Hoyer ist einer der bekanntesten Weitwanderer – und Mitglied der HANWAG Sole People (–> Thorsten Hoyer im Porträt). Berühmt wurde der gebürtige Hesse durch seine Schlaflos-Wanderungen – und durch die hier geschilderte Tour auf dem ›Grünen Band‹, die er am Stück in 24 Tagen absolvierte.

Mit der Ortschaft Schnackenburg erreiche ich die Elbe, in deren Flussmitte die Länder Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg aufeinander treffen. Schnackenburg ist die östlichste Gemeinde Niedersachsens und gehört mit seinen gerade mal gut 550 Einwohnern zu den kleinsten Städten Deutschlands.

Besondere Aufmerksamkeit wurde dem Ort zuteil, da sie sich wie eine Spitze in das Staatsgebiet der DDR schob. Neben dem kleinen Hafenbecken befindet sich im Alten Fischerhaus das Grenzlandmuseum, das die einstige ›sensible‹ Lage des Ortes aufzeigt.

Eigentlich wollte ich mit einer kleinen Fähre zur brandenburgischen Seite übersetzen, die ist aber nicht in Betrieb und so folge ich dem niedersächsischen Deich nach Dömitz, der wiederum südlichsten Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Ich bin begeistert vom Ensemble sorgsam restaurierter historischer Fachwerkhäuser und von der Findigkeit des Eis-Piraten.

Das fünfte Kapitel erzählt von den finalen 263 Kilometern bis zur Ostsee.

Willkommen in der ›Dorfrepublik Rüterberg‹

Das Grüne Band wandern mit Thorsten Hoyer – alle Folgen im Überblick:

–> Teil 1: Warum eigentlich ›Das Grüne Band Deutschland‹?
–> Teil 2: Grenzerfahrungen am Grünen Band in Thüringen
–> Teil 3: Lochplatte um Lochplatte in Richtung Rhön
–> Teil 4: Thorstens Wegmarken zwischen Rhön und Harz
–> Teil 5: Der Ruf des Meeres und der Ruf der Freiheit

Der macht Softeis nach Originalrezept aus VEB-Softeismaschinen. VEB war die Abkürzung für ›Volkseigener Betrieb‹ in der DDR. Eine ganz besondere Geschichte begegnet mir in dem kleinen Dorf Rüterberg, dessen Einwohner gegen die Demütigungen durch das DDR-Regime protestierten, indem sie die ›Dorfrepublik Rüterberg‹ ausriefen. Das war am 8. November 1989. Einen Tag später fiel die Berliner Mauer.

Hatte ich bisher ausnahmslos warmes und sonniges Spätsommerwetter, erfrischt mich das Deichwandern entlang der Elbe mit dem ersten Regentag – ich wandere in den Herbst. Aber das trübt meinen Blick auf die einzigartige Auenlandschaft des Flusses mit den unzähligen, nach Nahrung suchenden Vögeln nicht. Der Weg durch den Naturpark Lauenburger Seen erinnert mich aufgrund der sandigen Böden und der Heideflächen an meine 300-km-Wanderung durch die Lüneburger Heide. Ich mag diese Heidelandschaften.

Ein weiteres tragisches Grenzschicksal

Zahlreiche Informationen zum Grünen Band findest Du auf der Website des BUND.

Auf meiner Wanderung habe ich bereits einige Mahn- und Gedenkstätten gesehen: Erinnerungen an tragische Schicksale von Menschen, die den Traum vom selbstbestimmten Leben in Freiheit mit ihrem Leben bezahlten. Und plötzlich stehe ich auch hier in dieser herrlichen Landschaft vor einer weiteren Gedenkstätte.

Erinnert wird an die Geschichte von Michael Gartenschläger, die mich zutiefst berührt. Wie so viele junge Menschen wollte auch er aus der DDR fliehen – und wie so viele Fluchtversuche scheiterte auch seiner. Nach jahrelanger Haft wegen ›versuchter Republikflucht‹ wurde er von der BRD freigekauft. Damit endete aber nicht sein Auflehnen gegen das DDR-Regime.

Zum Beweis, dass an den Grenzzäunen Selbstschussanlagen installiert wurden, demontierte er zwei solcher Vorrichtungen. Bei einem weiteren Versuch am 30. April 1976 wurde er von einem Sonderkommando der Abteilung ›Äußere Abwehr‹ des Ministeriums für Staatssicherheit erwartet und mit 120 Kugeln regelrecht hingerichtet.

Allein mit seinen Gedanken über Schicksale entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Seine Wanderung auf dem Grünen Band bringt Thorsten Hoyer auch zum Nachdenken.

Die Geschichte des Michael Gartenschläger beschäftigt mich auf meinem weiteren Weg. Und ich denke über das nach, was mir ein ehemaliger DDR-Grenzsoldat sagte: Schließlich hätte jeder gewusst, wie ein Fluchtversuch enden konnte.

Ich folge dem Ufer des traumhaft schön gelegenen Schaalsees, dessen spiegelglatte Oberfläche in der Sonne glitzert. Die innerdeutsche Grenze verlief mitten durch den See, was deren Sicherung für die DDR zu einer besonderen Herausforderung machte. Nicht nur, dass Freizeitkapitäne aus dem Westen der unsichtbaren Seegrenze zu oft zu nah kamen.

Mächtige Eichen und Buchen säumen das Seeufer. Beim Anblick dieser ehrwürdigen alten Bäume frage ich mich, was sie so alles erlebt haben mögen. Was für Geschichten wären das wohl? Was wäre ihnen wichtig zu erzählen?

»Ich will nicht stillstehen, mich zieht es weiter.«

Thorsten Hoyer

Vielleicht wäre es gar nicht so spannend, da sie ja ihr ganzes Leben nur an einem Fleck stehen. Ich will nicht stillstehen, mich zieht es weiter, und manchmal kommt es mir so vor, bereits ein wenig Meeresluft schnuppern zu können. Aber natürlich ist das nur Einbildung, möglicherweise dem Wunsch geschuldet, endlich anzukommen.

Ich nähere mich der Hansestadt Lübeck, und auch wenn ich die Ostsee noch nicht sehen kann – irgendwo hinter diesem Wald, hinter diesen Feldern muss sie sein. Auf den letzten Kilometern stellt sich dann ein Gefühlsdurcheinander ein. Ich freue mich anzukommen, sagen zu können ›es hat geklappt‹. Da ist aber auch ein Gefühl von Abschied, vielleicht sogar etwas Melancholie.

Am Ziel: Thorsten Hoyer erreicht die Ostsee.

Die letzten Meter gehe ich nicht allein, am Telefon sind meine Frau und meine Tochter. Gemeinsam mit ihnen verlasse ich harten Asphalt und betrete den Ostseestrand. Muscheln knirschen unter meinen Sohlen. Meine Nase füllt sich mit dem Geruch von Seetang. Im Sonnenuntergang läuft eine Fähre aus Schweden kommend in den Hafen von Travemünde ein.

Die wenigen Menschen, die jetzt unterwegs sind, sind mir schon zu viele. Bis auf Philippe, ›meinen‹ Filmemacher und Fotografen, der mich hier freudestrahlend in Empfang nimmt. Wir genießen das Ankommen, und zugleich drängen sich die Erlebnisse der vergangenen Wochen in uns.

»Ich empfinde ein tiefes Gefühl großer Dankbarkeit und Demut.«

Thorsten Hoyer

Schweigsam hocken wir da, und ich empfinde ein tiefes Gefühl großer Dankbarkeit und Demut. Ich bin angekommen – und weiß, dass ich bald wieder weitergehe. Nicht, weil es inzwischen stockdunkel geworden ist, sondern weil ich übermorgen den Berliner Mauerweg angehen will. 160 schlaflose Kilometer, sozusagen als das i-Tüpfelchen.

Thorsten im »Gefühlsdurcheinander«: Einerseits froh, es geschafft zu haben. Aber da ist auch Melancholie.

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