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Der Pfad hinauf in die Felsregionen der Hohen Tatra ist steil und steinig. Mit Bedacht, aber entschlossen und zügig setzt Stevo Backor einen Schritt nach dem anderen. Auf seinen Schultern lastet eine selbstgezimmerte Holzkraxe – lang wie eine Leiter, beladen wie ein Schwertransporter: Bierfässer, Packtaschen, Gasflaschen. Wo Andere in der Hohen Tatra wandern, schleppt Stevo an die 80 Kilogramm hinauf zur Zbojnícka Hütte auf knapp 2000 Meter Höhe. Er ist einer von über 60 Tatra-Sherpas, die noch heute wie vor 100 Jahren die Berghütten im kleinsten Hochgebirge der Welt versorgen.

»Als junge Männer machten wir das, um die Muskeln spielen zu lassen, um unsere Limits auszutesten … und vielleicht auch, um dem einen oder anderen Mädel zu imponieren«, meint Stevo augenzwinkernd. Er ist in dem slowakischen Städtchen Poprad am Fuße der Hohen Tatra aufgewachsen, nicht weit von der Grenze zu Polen. Seine Mutter, eine Kletterin, nahm ihn schon früh mit in die Berge. Seitdem sind sie sein Leben. Der heute 45-Jährige hat Ökologie und Umweltbiologie studiert, zehn Jahre lang als Nationalpark-Ranger gearbeitet, ist Bergwanderführer (UIMLA) und als Bergretter aktiv.

»Das meiste spielt sich im Kopf ab.«

Unverzichtbare Helfer für die Hohe Tatra Berghütten

Volle Konzentration: Wie Bergsteigen und Klettern führt das Lastentragen zu einem fast meditativen Flow-Zustand. »Gut für den Kopf«, meint Stevo.

Stevos ganz große Leidenschaft aber ist das Sherpa-Leben. Seine Motivation ist eine ganz andere als vor 20 Jahren. Es geht ihm nicht um die Physis. »Die körperliche Anstrengung blendest du aus«, sagt Stevo. »Die Arbeit als Sherpa ist ganz einfach gut für den Kopf.« Andere meditieren oder machen Yoga. Stevo schleppt als Sherpa. Was manchem vorkommen mag wie Sklavenarbeit, empfindet er als »absolute Freiheit«. Als eine Möglichkeit, auf intensivste Weise mit der Natur zu verschmelzen.

Die Träger in der Hohen Tatra haben eine lange Tradition. In Stary Smokovec auf der Südseite der Hohen Tatra betreibt Stevo mit seiner Frau in einem Schweizer Holzhaus das ›Sherpa Caffe‹. Dort hat er die Rolle der Träger bei der Erforschung der Hohen Tatra in einem kleinen Museum dokumentiert. Mit dem Beginn des Tourismus und den ersten Berghütten in der Tatra im 19. Jahrhundert fingen Einheimische dann an, fulltime als Träger zu arbeiten – ähnlich wie im Himalaya. Noch heute sind die Tatra-Sherpas unverzichtbar für die Hütten im ältesten slowakischen Nationalpark. »Denn nicht selten ist das Wetter wochenlang so schlecht, dass kein Helikopter fliegen kann«, erklärt Stevo.

Auch für Tragetiere wären die Pfade zu den Hütten zu steil und ausgesetzt. Dennoch ist sich Stevo nicht sicher, wie lange diese Tradition noch weiterleben wird. Einen Antrag auf Aufnahme ins UNESCO Weltkulturerbe hat er zusammen mit einigen Kollegen bereits gestellt. »Vielleicht werden ja in Zukunft Drohnen unsere Arbeit übernehmen!?«, überlegt Stevo und lacht verlegen. Wirklich vorstellen will er sich ein solches Szenario lieber nicht. Denn dafür hat ihm das Sherpa-Sein zu viel gegeben. Meditativ versunken setzt Stevo die nächsten Schritte und sagt mit ruhiger Stimme: »Ich habe beim Tragen viele Antworten auf die Fragen des Lebens gefunden.«

4 Fragen an Stevo

Sherpas in Europa – das klingt nach viel Folklore …

… ja und nein! Tatsächlich blicken wir Sherpas auf eine lange Tradition zurück. Aber unsere Arbeit ist weit mehr als eine folkloristische Attraktion für Touristen. Sie ist immer noch dringend notwendig. Eine Reihe schwer zugänglicher Berghütten in der Hohen Tatra können wir nur mit Hilfe von Trägern versorgen, die zu Fuß Getränke, Gas und frische Verpflegung dorthin bringen. Fahrstraßen gibt es ebenso wenig wie Bergbahnen oder Materialseilbahnen. Die Bergkultur hat sich hier anders entwickelt als in den Alpen. Wir Sherpas möchten sie unbedingt am Leben erhalten. Dazu gehören auch unsere jährlichen Sherpa-Rallyes – Rennen mit schwer beladenen Kraxen. Wichtiger als die Bestzeit ist dabei das soziale Miteinander.

Wie lange hast Du trainiert, um fit genug für die enormen Lasten zu werden?

Als junge Burschen haben wir dafür gar nicht trainiert. Natürlich waren wir immer viel in den Bergen. Und dann haben wir’s einfach gemacht. Meine schwerste Ladung wog 121 Kilo, ein Aggregat für die Téryho Hütte. Aber ich sag’ Dir eines: Es geht nicht primär um die Muskeln. Das meiste spielt sich im Kopf ab. Einer von meinen Sherpa-Kollegen meinte mal: Für diesen Job ist nur einer von 300 geboren.

Als Sherpa zu arbeiten bedeutet viel Schinderei. Ist es das wert?

Auf jeden Fall. Es gibt keine intensiveren Momente als die Tasse Tee und die menschliche Wärme auf der Hütte, nachdem Du stundenlang draußen im Sturm mit den Elementen gekämpft hast. Wenn Du vergessen hast, was wirklich zählt im Leben, … hier lernst Du wieder, worauf es ankommt.

Du hast Ökologie und Umweltschutz studiert und als Ranger im Nationalpark gearbeitet. Sind die Sherpas in Deinen Augen auch Teil eines nachhaltigen Bergtourismus?

Sicher ist es für die Natur besser, als Bergstraßen zu bauen oder die Hütten wöchentlich mit dem Heli zu versorgen. Doch die Frage ist auch, wie lange sich die Hüttenwirte das noch leisten wollen und können. Die Hütten werden derzeit ein- bis zweimal pro Saison von Helis versorgt, vor allem um Heizmaterial zu transportieren. Den Rest erledigen wir Sherpas. Aber die Kosten für einen Heli, der wirklich viel transportieren kann, sind heute gar nicht mehr so hoch. Für die Hüttenwarte ist der Heli mittlerweile bequemer und günstiger. Zum Glück ist da noch das schlechte Wetter, das Heliflüge oft wochenlang unmöglich macht.

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Stevos Lieblings-Schuh: HANWAG TATRA II

»Angenehm zu tragen und vielseitig. Ich habe gleich zwei Paar davon. Denn bei uns regnet es oft tagelang. Natürlich bin ich auch dann draußen unterwegs. Die Hütten wollen ja weiter versorgt werden. Während ein Paar zu Hause trocknet, bin ich schon wieder mit dem anderen Paar unterwegs in den Bergen.« (Stevo Backor)

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