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Hunderte oder gar tausende Kilometer am Stück – Weitwandern führt in einen ganz eigenen Kosmos. Kuriose Charaktere, unvergessliche Erlebnisse und eine eigene Trail-Kultur, die für Außenstehende, die mitten im Alltag stehen, oft seltsam abenteuerlich wirkt.

Hier kommen zehn Fakten zum Staunen, Schmunzeln und Nachdenken aus der weiten Welt des Weitwanderns.

  1. Trail Angels – die guten Engel am Wegesrand
  2. Trail Magic – die zauberhaften Momente
  3. Trail Names – Spitznamen für unterwegs
  4. Länger, schneller, älter: Weitwander-Rekorde
  5. Nur jede:r Tausendste ist ein ›Thru-Hiker‹
  6. Die häufigsten Gründe auszusteigen
  7. Glücksgefühle und Trail-Kater
  8. Die Gedanken kreisen ums Essen
  9. Der Trend geht zu Ultra-Weitwanderungen
  10. Unendliche Möglichkeiten

1 Trail Angels – die guten Engel am Wegesrand

Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Engel her. Die ›Trail Angels‹ sind in Amerika Teil der Weitwanderkultur – Freiwillige, die sich mit enormem Idealismus für das Wohl der Hiker einsetzen.

Manche stellen in ihren Häusern entlang der Trails Betten für Übernachtungen zur Verfügung oder kochen für die Wanderer:innen. Nach unzähligen Nächten im Zelt ist das wie ein Geschenk des Himmels.

Das sollte man als Weitwanderer:in nicht für selbstverständlich halten. Die Trail Angels, bisweilen selbst ehemalige Weitwanderer:innen oder zumindest mit einem Faible fürs Wandern, opfern für ihre Dienste viel Zeit, Geld und Ressourcen, damit andere beim Weitwandern Spaß haben.

Auch wenn viele Trail Angels für ihren Service keine Bezahlung fordern, gehört es zur Etikette auf Tour, sich dafür erkenntlich zu zeigen. Wie heißt es so schön: Wie Du mir, so ich Dir. Mittlerweile werden auch Freiwillige, die an der Instandhaltung der Wege oder für die Trail-Organisationen arbeiten, als Trail Angels bezeichnet.

Himmlische Helfer: Wenn nichts mehr geht, kommt vielleicht ein Trail Angel angeflogen.

2 Trail Magic – die zauberhaften Momente

Trail Angels bewirken oft auch Trail Magic – wie von Zauberhand steht plötzlich eine Box mit gekühlten Getränken am Wegesrand. Oder eine Schachtel mit Snacks. Manche Weitwanderer:innen hatten sogar schon die Ehre, an einem Rastplatz von einem Trail Angel zu einem spontanen Barbecue oder einem Picknick mit frischem Gemüse und Obst eingeladen zu werden.

Das ist kein erwartbarer Verpflegungsservice. Wie im Märchen entfaltet sich dieser Zauber erst dann, wenn er unverhofft kommt. Trail Magic ist – eine Fügung, die passiert, wenn sie passieren soll.

Jede:r Weitwanderer:in trägt nicht nur ihren/seinen Rucksack, sondern auch einen Trail Name.

3 Trail Names – Spitznamen für unterwegs

Gemeint sind nicht die Namen der Trails. In der internationalen Weitwander-Gemeinde, insbesondere in den USA, ist es üblich, dass sich Weitwanderer:innen Spitznamen geben. Furious Sandwich, Solo Butterfly, Eagle Eye, … sie klingen wie ein Mix der Namen von Comic-Helden und amerikanischen Natives in alten Westernfilmen.

Trail Names haben Tradition. Sie sind ein Zeichen der Zusammengehörigkeit, sorgen beim Kennenlernen anderer Weitwanderer:innen sofort für Gesprächsstoff und einen lockeren Einstieg in die Unterhaltung. Gleichzeitig symbolisieren sie: Der/die Träger:in eines Trail-Namens hat ihr/sein altes Leben hinter sich gelassen – ähnlich wie die Namen von Ordensleuten in Klöstern.

Meist verbergen sich nette kleine Geschichten der Namensträger:innen dahinter, über ihr Äußeres, ihren Charakter, über ihre Stärken und Schwächen oder kleine Anekdoten, an denen die Fernwanderer:innen beteiligt waren.

Ein Brauch, der in der Szene trotz allen Humors recht ernst genommen wird. Wer sich nicht selbst einen Trail Name gibt, bekommt einen verpasst.

Zeitschnellster: Timothy Olson bewältigte im Sommer 2021 den 4265 Kilometer langen Pacific Crest Trail in 51 Tagen.

4 Länger, schneller, älter: Weitwander-Rekorde

  • Der Längste: Eine der längsten zusammenhängen Weitwanderungen hat die Kanadierin Sarah Jackson auf einer 11.500 Kilometer langen Route des Trans Canada Trail Netzwerks unternommen. Das zwei Jahre dauernde Abenteuer führte sie von Vancouver Island im Westen nach St. John’s auf Neufundland. In die Liste der Mega-Weitwanderungen geht auch die Tour von Ash Dykes aus Wales am Yangtze River Trek ein. 6437 Kilometer benötigte er von der Quelle im Hochland von Tibet bis zur Mündung ins Ostchinesische Meer. Ash benötigte dafür ein Jahr.
  • Der Schnellste: Auf fast allen bekannten Weitwanderrouten werden mittlerweile Listen der Bestzeiten geführt. Mit Wandern haben diese Zeiten allerdings nichts mehr zu tun. Das sind Trailrunning-Marathons mit über 80 Kilometern täglich an 40 bis 50 aufeinanderfolgenden Tagen. Die schnellste offizielle Zeit auf dem 3500 Kilometer langen Appalachian Trail hält der belgische Zahnarzt Karel Sabbe mit 41 Tagen, 7 Stunden und 39 Sekunden. Er hielt bis vor kurzem auch die Bestmarke auf dem Pacific Crest Trail. Die hat nun der amerikanische Ultra-Läufer Timothy Olson geknackt. Für die 4265 Kilometer benötigte er 51 Tage, 16 Stunden und 55 Minuten. Zum Vergleich: ›Normale‹ Weitwanderer:innen absolvieren im Schnitt zwischen 40 und 50 Kilometer pro Tag. Noch mehr Rekorde gibt’s auf dem Portal Fastest Known Time.
  • Der Älteste: Dale ›Grey Beard‹ Sanders heißt der bislang älteste Weitwanderer auf dem Appalachian Trail. »Jetzt reicht’s, ich bin müde«, sagte der 82-Jährige nach 3500 Kilometern. »Zeit nach Hause zu gehen.« Das Gros der Weitwanderer:innen ist zwischen 20 und 35 Jahre alt. Bisher jüngster Finisher auf dem Appalachian Trail war der 15-jährige Neva ›Chipmunk‹ Warren.
Abendstimmung am Appalachian Trail. Aber wer wandert tatsächlich die kompletten Distanzen der langen Weitwanderwege?

5 Nur jede:r Tausendste ist ein ›Thru-Hiker‹

Ziemlich klein ist die Zahl der Weitwanderer:innen, die auf den namhaften Routen die gesamten Distanzen von oft mehreren Tausenden Kilometern bewältigen, im Vergleich zur Gesamtzahl der Wanderer:innen, die Teilstrecken absolvieren. Wer die gesamte Route auf einen Rutsch durch-wandert, darf sich Thru-Hiker nennen. Drei Millionen Wanderer:innen begeben sich jährlich auf eine oder mehrere Etappen des Appalachian Trail. Nur rund 3000 finishen die komplette Distanz.

Verletzungspech: Im schlimmsten Fall geht es mit dem Heli ins Krankenhaus statt zu Fuß zum nächsten Biwakplatz.

6 Die häufigsten Gründe auszusteigen

Verletzungen sind auf monatelangen Weitwanderungen der häufigste Grund, weshalb Hiker ihr Vorhaben abbrechen. Deutlich dahinter rangieren persönliche und familiäre Gründe, Enttäuschung, emotionale und finanzielle Gründe sowie Krankheiten.

Traumhaft schön: Es sind die kleinen Momente, die glücklich machen.

7 Glücksgefühle und Trail-Kater

Viele Weitwanderer:innen empfinden die Zeit am Weg als »eine Art Traumwelt« – bis hin zu Trance-artigen Zuständen. Das hat Anna Gutschi ebenfalls in ihrer Diplomarbeit übers Weitwandern festgestellt.

Rasch verschwinden die Alltagsprobleme. Alles fürs Leben im Rucksack und keine großen Verpflichtungen zu haben, scheint happy zu machen. Als I-Tüpfelchen zum großen Glück reiche oft »einfach nur ein genialer Ausblick«. Der Trail als Glücksdroge.

Ist die weg, besteht die Gefahr eines ordentlichen Trail-Katers. Die Mehrheit der sechs Befragten Weitwanderer:innen klagte nach dem Ende des Pacific Crest Trails über Depressionen. Einige mussten sich in Behandlung begeben. Keine:r der Befragten führte nach der Weitwanderung wieder dasselbe Leben wie zuvor.

8 Die Gedanken kreisen ums Essen

Woran denken Weitwanderer:innen den ganzen Tag? Richtig – ans Essen! Das jedenfalls stellte die Österreicherin Anna Gutschi 2016 in ihrer Diplomarbeit über ›Motive und Motivation zum Weitwandern‹ fest. »Ich habe zu 80 Prozent der Zeit an Essen gedacht, weil ich einfach komplett ausgebrannt war«, gab stellvertretend einer der Befragten zu Protokoll.

Auf dem Pacific Crest Trail. Die Zahl der Weitwanderer:innen auf Ultra-Distanzen ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen.

9 Der Trend geht zu Ultra-Weitwanderungen

Weitwandern wird immer beliebter – auch auf ganz langen Distanzen. Das spiegeln die Statistiken der beliebtesten Ultra-Weitwanderroute Pacific Crest Trail wider. Martin Papendick war 1952 der einzige Finisher auf der Gesamtdistanz von 4265 Kilometer. 1972 waren es neun Finisher, 2010 dann 200 und 2018 knapp 1200.

Die Auswahl an Wanderwegen ist schier grenzenlos. Hier noch einmal der Pacific Crest Trail.

10 Unendliche Möglichkeiten

Prominente Weitwander-Klassiker und Fernwanderrouten sind längst nicht die einzigen Möglichkeiten, sich auf lange Wanderschaft zu begeben. Das längste zusammenhängende Trail-Netzwerk der Welt ist der Trans Canada Trail mit sage und schreibe 27.000 Kilometern Wander- und Wasserwegen zwischen der Ost- und Westküste. Eine

Klingt viel, ist aber nur ein Tropfen im Ozean denkbarer Routen. Allein das von den Alpenvereinen betreute Wegenetz in den Deutschen und Österreichischen Alpen umfasst 56.000 Kilometer. Die größte Wanderwegdichte weltweit hat die Schweiz. Die 65.000 Kilometer Wege zum Wandern warten in der kleinen Alpenrepublik – 1,9 Kilometer pro Quadratkilometer.

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