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Mit Grönland-Reisen verbinden die meisten Menschen treibende Eisberge, Eisbären, Robben jagende Inuits und von Kreuzfahrttouristen überlaufene Küstenstädtchen. Dass es auch ein Paradies für echte Wildnis-Trekker ist, wissen die wenigsten. Es muss auch nicht gleich der ›Arctic Circle Trail‹ sein. Zwischen Kangerlussuaq und dem Inlandeis liegt nicht nur die Heimat zahlreicher Moschusochsen, sondern eine einmalig schöne arktische Wildnis. Ein Grönland-Reisebericht.

Vier Stunden und 40 Minuten. Genau so kurz dauert es, in eine völlig andere Welt einzutauchen. Aus Kopenhagen zur Grönland-Tour. Größer könnte der Kontrast kaum sein. Am Vormittag noch szenig-dänisches Innenstadtflair – am Nachmittag: Kangerlussuaq. Was für ein toller Name – für einen der trostlosesten Orte, den man sich ausmalen kann.

Unsere Trekking-Route

Nach einem mehrtägigen Trekking durch die Tundra (gestrichelte Linie) geht es per Truck (durchgezogene Linie) für eine weitere Wanderung ans Inlandeis.

Denn Kangerlussuaq ist eigentlich nichts anderes als der größte Flughafen Grönlands, mit ein paar Häusern, pardon Ex-Militärbaracken außenrum. Groß und wettermäßig stabil genug, um die fetten Flieger – häufig randvoll mit Kreuzfahrttouristen – landen lassen zu können. Ein Erbstück des US-Militärs, das den Armeestützpunkt im zweiten Weltkrieg errichtet und 1992 für den Symbolpreis von 1 US-Dollar an Grönland zurückverkauft hatte.

Du willst in einem Café sitzen? Durch die Innenstadt flanieren? Vergiss es! Ebenso wenig, wie Kangerlussuaq heimeligen Kleinstadt-Charme besitzt, gibt es hier Straßen, die ernsthaft irgendwohin führen. Flucht zwecklos! Außer zu Fuß. Und genau das werden wir tun. Elf Tage Wandern durch Grönland, mit großem Rucksack, durch die weglose Natur des arktischen Sommers.

Start Richtung Inlandeis

Eis, Eis, Baby 
80 Prozent von Grönland sind von einem Eispanzer bedeckt, insgesamt 1,8 Millionen Quadratkilometer. Nach dem antarktischen Eisschild ist es die weltweit zweitgrößte permanent vereiste Fläche – Tendenz sinkend, der Klimawandel lässt rapide grüßen. Trotzdem sind seine Ausmaße nach wie vor schwer vorstellbar: Von Norden nach Süden 2500, von Ost nach West an der breitesten Stelle 1100 Kilometer. Stellenweise ist das Eis 3000 Meter dick, im Durchschnitt 1500. 2,67 Millionen Gigatonnen abertausende Jahre altes Eis. Sein Gewicht hat die Landmasse darunter zu einer Art Pfanne geformt. Würde es gänzlich abschmelzen, läge der Meeresspiegel etwa sieben Meter höher als heute.

Der nächste Morgen, 6 Uhr. Im ›Vandrehjem‹, der Jugendherberge von Kangerlussuaq, treffen wir den Mann, der die hiesige Wildnis wie seine Westentasche kennt. Jens-Pavia Brandt – 50 Prozent grönländische, 50 Prozent dänische Wurzeln – will uns durchs Niemandsland zum grönländischen Inlandseis führen. Vor seinen Füßen stehen leuchtend blaue Ikea-Taschen, randvoll mit portionierten Lebensmitteln: Brot, Müsli, Wurst, Käse, Eier, Reis und vieles mehr.

»Das müssen wir sauber auf alle Schultern aufteilen«, sagt Jerome Blösser. Er ist Profi-Abenteurer und Veranstalter von außergewöhnlichen und langen Trekkingtouren rund um den Globus. 2008 hatte er mit Ski und Pulka in 30 Tagen das grönländische Inlandeis von Ost nach West überquert. Gemeinsam mit Jens-Pavia wird er unsere Tour führen. »Uns«, das ist ein bunter Haufen Abenteuerlustiger aus der BRD. Es ist Ende August, spät für den arktischen Sommer, aber die beste Reisezeit in Grönland für Trekkingtouren. Die Temperaturen sind um diese Jahreszeit schon Moskito-feindlich – und entsprechend wanderfreundlich. Geschlafen wird im Zelt, gekocht auf dem Holzofen und über dem offenem Feuer.

Die bloße Distanz ist weniger die Herausforderung als die gänzlich fehlende Infrastruktur. Es gibt keinerlei Wege, nur gelegentliche Tierpfade. Und auch wenn Jens-Pavia an einigen Stellen etwas Essbares vorgebunkert hat, den Großteil müssen wir selbst buckeln. Neben Karibus, Schneehühnern und anderen Wildtieren ist die Region vor allem bekannt für seine Moschusochsen, die hier mit über 10.000 Tieren den weltweit größten Bestand aufweisen.

Endlich geht es los. Ein Lkw-Taxi hat uns am Ende einer Staubpiste abgesetzt. Die ersten Kilometer mit schwerem Rucksack fühlen sich noch ungewohnt an. Doch die Landschaft um uns herum lässt uns das Gewicht schnell ausblenden: Der einsetzende Herbst hat die Tundra-Vegetation in ein prachtvolles Farbenmeer gefärbt. Gelb-, Rot,- Grün- und Brauntöne in allen Facetten, durchbrochen von grünblauen Seen.

Das Grönlandwetter zeigt sich allerdings divenhaft, Wandern in Grönland ist Zuckerbrot und Peitsche. Mal brennt die Sonne so, dass es selbst im Funktions-Shirt zu warm wird, fünf Minuten später schiebt sich eine dunkle Wolke davor, der Wind dreht auf und pfeift eisig an die verschwitzte Brust. Bloß kein Risiko eingehen, denn sind wir erst einige Tagesmärsche von Kangerlussuaq entfernt, ist ein Rückzug nicht so ohne weiteres möglich.

Eine ›Bergwacht‹ wie in den Alpen gibt es hier nicht – und der Helikopter, das einzige Transportmittel für Notfalleinsätze, steht nicht immer parat. Aber genau das verleiht der Tour eine Extra-Prise Abenteuer.

Moschusduft liegt in der Luft

Tierisch warm
Merinowolle ist in aller Munde. In puncto Wärmespeicherung ist sie ihrem nordischen Verwandten aber stark unterlegen. Im hohen Norden Nordamerikas, Grönlands und Skandinaviens müssen Moschusochsen bei -50 Grad und extremen Windgeschwindigkeiten überleben. Ihr Unterhaar weist deshalb eine viel feinere Struktur als bei ihren südlichen Vettern auf. Im Verhältnis zu ihrem Gewicht können die Fasern mehr warme Luft speichern und sind windresistenter. Schön für die Moschusochsen? Nicht nur. Mittlerweile kann man die Wolle, die in der Inuit-Sprache ›Quiviut‹ heißt, so geschmeidig wie Kashmir und achtmal wärmer als normale Schafwolle ist, als Luxusgarn oder fertig gestrickte Mütze kaufen. Gewonnen wird das ›arktische Gold‹ durch Auskämmen von domestizierten Tieren, was nur einmal pro Jahr im Frühling möglich ist. Ein Knäuel Wolle mit 80 Meter Garn aus 100 Prozent Moschushaar wiegt gerade einmal 22 Gramm – und hat einen ›Schnäppchenpreis‹ von etwa 80 Euro.

Plötzlich hebt Jens-Pavia die Hand und deutet in Richtung einer Senke. Keine 300 Meter vor uns liegen drei Moschusochsen friedlich im Buschwerk. Wir stehen gegen den Wind, unser Vorteil. Leise legen wir die großen Rucksäcke ab, pirschen uns mit gezückten Kameras an. Nur noch 50 Meter – dann haben sie uns entdeckt. Ein kurzer Nüstern-Faktencheck – kenn’ ich nicht, mag ich nicht – und weg ist der Ochs’ am Berg. Ihr Duft hängt den Moschusochsen nach. Kein Parfum in unserem Sinne, eher eine Mischung aus ›Verschwitztes-Trainingsshirt-zu-lange-im-Rucksack-vergessen‹ und Bahnhofsklo.

So verstörend ihr Geruch, so beeindruckend ist ihre Erscheinung. Mächtige Hornplatten auf der Stirn, dazu wie Schürhaken geschwungene, spitze Hörner. Übrigens: Ihr Name ist irreführend, dieser ›Ochse‹ ist gar kein Rindviech. Denn Moschusochsen sind überdimensionale arktische Ziegen, rein genetisch betrachtet. Der Name, den die Inuit ihnen in ihrer Sprache gegeben haben, trifft es da schon eher: ›Umimmaq‹, auf Deutsch ›Tier mit Fell wie ein Bart‹. Ihr bis zum Boden reichendes Haarkleid lässt sie nicht nur urzeitlich und mächtig wirken, es ist auch ein gigantisch guter Wind- und Kälteschutz (siehe Infokasten ›Tierisch warm‹).

Trekking Grönland Jens-Pavia Brandt
Leidenschaftlicher ›Holz-Koch‹, grenzenloser Sympathieträger und genialer Guide – mit gewöhnungsbedürftigem Kulinarik-Verständnis: Jens-Pavia Brandt, der uns durch die Wildnis Westgrönlands geführt hat, mit gekochter Moschuszunge ...

»Wenn ich mit Holz koche, bleibt einfach nur Asche zurück.«

Jens-Pavia Brandt

Unser Tagesziel – der Moschusochsen-See – verrät, dass die zotteligen Stinker häufiger dort anzutreffen sind. Nach sechs Stunden permanentem Auf und Ab taucht der U-förmige See auf. Am Nordufer, wo Jens-Pavia ein Materialdepot angelegt hat, liegen schon sieben Kajaks bereit, die unsere Vehikel zur anderen Seite sein werden. Ein Paradeplatz für ein Camp: eine riesige, brettebene Wiese mit Sandstrand davor, Platz für 50 Zelte, mindestens. Wir haben nur fünf und somit reichlich Raum.

Auch trockenes Holz – Mangelware in der arktischen Tundra – zieht Jens-Pavia aus seinem Lager. Eine Stunde später werden die Kalorienspeicher aufgefüllt mit Reis, Karibu-Eintopf und Erdnüssen. »Warum kochst du eigentlich nicht mit Gas oder Benzin – wäre das nicht schneller und unkomplizierter?«, möchte ich von ihm wissen. »Das müsste ich erstens alles hier rausschleppen«, antwortet er, »und zweitens verursacht es Müll. Mit Holz bleibt einfach nur Asche zurück.« Grüner Punkt für ihn.

Eis am Horizont

»Wer von Euch ist schon einmal gepaddelt?« Drei Hände wandern zaghaft in die Höhe. »Keine Sorge, Ihr wärt die Ersten, die auf diesem See kentern«, sagt Jens-Pavia lachend. Eine gute Stunde dauert die Überfahrt. Konzentrierte Stille bis sich die erste Anspannung gelöst hat und das glasklare Wasser und die umgebenden Bergketten genossen werden können. Auf der anderen Seite angekommen, wird entladen. Während ein Teil mit leeren Booten die gleiche Strecke nochmals zurücklegt, um Holz und Proviant nachzuholen, baut der andere Teil das Lager auf. Nach und nach entwickelt sich Camp-Routine. Zelt aufbauen, häuslich einrichten, Holz auf Kocher-Größe zerkleinern, Wasser holen, kochen, abspülen.

Es folgt die bislang härteste Etappe. Wir müssen mehrere Bergrücken überschreiten. Zahlreiche Höhenmeter, überwuchertes Geröll und schwere Rucksäcke sind eine ordentliche Herausforderung für Muskeln, Sehnen und Konzentration. Die Belohnung: Oben angekommen, sehen wir in der Ferne glitzernd unser Ziel, das Inlandeis.

Der Sommer ist in dieser Region, anders als direkt an der Küste, sehr stabil – normalerweise. Für uns hält das Wetter die gesamte Bandbreite parat. Optimale Testbedingungen für Funktionsausrüstung. Doch die Himmelskapriolen sind wunderschön, denn der düstere Wolken-Regen-Mix mit vereinzelten Sonnenstrahlen verleiht der wilden Landschaft eine mystische Aura. Fast meint man, in J.R. Tolkiens ›Herr der Ringe‹ mitzuspielen. Träfen wir hinter dem nächsten Felsriegel auf langbärtige Zwerge, die auf Moschusochsen reiten, es würde gut in die Szenerie passen.

Stattdessen sehen wir Karibus, die die bunte Buschvegetation nach Essbarem absuchen. Sobald sie uns entdecken, flüchten sie in dem ihnen so typischen Trab mit waagerechter Kopfhaltung. Wie eine Diva, die beim Klauen erwischt wurde – Flucht mit Contenance. Immer wieder tauchen Schneehasen als leuchtend weiße Punkt auf dem dunklen Untergrund auf. Ihre Tarnung wird erst in einigen Wochen funktionieren, wenn der Winter die Natur in seinen eisigen Mantel hüllt.

Beim letzten Abstieg öffnet sich ein weites Tal, durch das sich ein namenloser Fluss wie eine gigantische Anakonda schlängelt. Im Hintergrund türmt sich eine schroffe Bergkette auf. Der Lagerplatz, den Jens-Pavia ausgewählt hat, lässt keine Wünsche offen. Direkt an einer Flussbiegung mit kleinen ebenen Stellflächen zwischen hüfthohen, windblockenden Büschen. Feuerholz, frisches Trinkwasser und große, flache Steine zum Kochen auf dem Feuer im Überfluss.

»Das Bad im eisigen Gletscherfluss ist jeden schwindenden Zentimeter wert.«

Moritz Becher

Nach vier Tagen Wandern und Schwitzen ist der Waschdrang enorm. Die Sache hat nur einen Haken: Gletscherflüsse stellen die Männlichkeit in jeder Hinsicht auf die Probe. Trotzdem, auch wenn ich Angst um meine zukünftigen Kinder habe, das Bad ist jeden schwindenden Zentimeter wert. Das Gefühl danach, von Tausenden feinsten Nadelstichen auf der Haut, wohlig eingehüllt und frisch gereinigt am Lagerfeuer zu sitzen, ist unbezahlbar.

Unsere beiden Guides Jerome Blösser (links) und Jens-Pavia Brandt. Eine Trennung der Gruppe kam für sie nicht in Frage.

Am Morgen von Tag fünf dann die Hiobsbotschaft: Über Nacht ist aus der leichten Erkältung von Wandergefährte Matthias eine ausgewachsene Bronchitis geworden. Durch die Nylonwände seines Zeltes ist seine Misere unüberhörbar, keine Chance auf Weiterwandern. Kriegsrat. Wir sind wegen einer Schlechtwetterpause ohnehin zeitlich etwas im Rückstand. Wenn wir den heutigen Tag verlieren, haben wir keine Chance, das Inlandeis auf diesem Weg zu erreichen.

Teilen wir die Gruppe auf? Brechen wir ab? Gibt es Alternativen? »Es tut mir leid, aber das Risiko ist hier draußen selbst bei einer vermeintlich harmlosen Krankheit zu groß. Die Gruppe zu teilen, kommt leider nicht in Frage«, entscheidet Jerome, der die Gesamtverantwortung trägt.

Plan B

Enttäuschung, Verständnis, Trauer, Missmut – jeder verarbeitet die schlechte Nachricht anders. Aber Jerome fügt hinzu: »Wir können die Wanderung zum Inlandeis noch anhängen, wenn wir uns von Kangerlussuaq aus einige Kilometer vor ›Point 660‹ absetzen lassen. Dann schlagen wir noch für zwei Nächte ein Camp auf und wandern zu Fuß zum Eisschild.« Kurze Überlegung, gefolgt von allgemeiner Zustimmung.

Die Pausentage geben uns Gelegenheit, auch ohne schweren Rucksack die Gegend zu erkunden, den arktischen Spätsommer zu genießen, auf Pirsch zu gehen und mit Zeit und Geduld Tiere zu beobachten, die atemberaubend schöne Landschaft zu fotografieren – oder einfach mal ohne Handyempfang seinen Gedanken nachzuhängen. An einen Felsen gelehnt, mit der relativen Gewissheit, als erster Mensch seine vier Buchstaben an diesem Ort zu parken. Auch das ist Teil einer Grönland-Tour. Zwei Tage später – Matthias hat das Schlimmste überstanden – wandern wir zurück durch die Hügelketten.

Endlose Eiswüste

Inuit-Snacks
Wenn unsereins den Müsliriegel oder das ›beef jerky‹ als Tour-Snack auspackt, schüttelt sich vielleicht der eine oder andere Grönländer. Und vice versa. Denn packen Inuits beim Trekken ihre Hausmannskost-Snacks aus, dreht sich so mancher Magen unterhalb des Polarkreises um. Das Drei-Gänge-Menü unseres Guides Jens-Pavia sah wie folgt aus: 1. Gang: Trockenfisch am Stück (Konsistenz: altes Handtuch; Geschmack: je länger gekaut und durchgespeichelt, umso fischiger). 2. Gang: ›Blubber‹ – stark von Gefäßen durchzogenes, pures Robben- oder Walfett (Konsistenz: unterkühltes Gummibärchen; Geschmack: fischig-fettig) – siehe Bild oben. 3. Gang: Moschusochsen- oder Karibu-Zungen-Tagliata, wird im Ganzen 30 Minuten in Salzwasser gekocht (Konsistenz: zergeht auf der Zunge; Geschmack: herbsüsslich-fleischig).

Nach acht Tagen in der grönländischen Wildnis erreichen wir die Schotterstraße, von der uns zwei Taxen aufsammeln und beim Vandrehjem in Kangerlussuaq absetzen. Die Duschen des dunklen Flachbaus laufen auf Hochtouren, in den Gemeinschaftsküchen treffen wir auf andere Trekker. Sie werden am nächsten Morgen ein etwas größeres Projekt in Angriff nehmen: In Kangerlussuaq beginnt auch der Arctic Circle Trail, eine 170 Kilometer lange Fernwanderroute bis nach Sisimiut, der zweitgrößten Stadt Grönlands, direkt an der Meeresenge ›Davisstraße‹.

Tags darauf springen wir in ein dreiachsiges Monster. Der Allrad-Lkw schrubbt über die zerfurchte Schotterpiste, die zum ›Point 660‹ am Ende des grönländischen Eispanzers führt. Um die Jahrtausendwende hatte der Volkswagen-Konzern die Fahrspur gebaut als Zufahrt zu einem geheimen Testgelände auf dem Inlandeis. Kurios: Mit 35 Kilometern ist sie die längste Straße Grönlands. Plötzlich steigt der Fahrer in die Eisen. Wir springen mit unseren Rucksäcken ab und verschwinden im Nichts der beige-grauen Berge auf der Suche nach einem würdigen letzten Zeltplatz.

Die Farbenpracht des kurzen Herbstes ist schnell vorüber, wir haben tatsächlich den perfekten Zeitpunkt erwischt. Nach 20 Stunden, einer Nacht und einem Halbtagesmarsch durch eine grandiose Landschaft aus geschwungenen Hügelketten, Tundrasteppe, Flüssen, Seen und Gletschermoränen stehen wir auf dem zweitgrößten Inlandseisschild der Welt. Hier, am Rand der Eiswüste, türmen sich die Massen in surrealen Formationen, durchzogen von zu Momentaufnahmen erstarrten Schmelzbächen. Unter den Sohlen klimpern die Kristalle, als würden wir durch einen riesigen Scherbenhaufen wandern. So weit das Auge reicht, nur endlose weiße Weite. »600 km sind es von hier bis nach Isortoq an der Ostküste«, erzählt Jerome und hängt in Gedanken seiner Inlandeis-Durchquerung nach.

Der Abschied von Grönland zwei Tage später erfolgt an demselben trostlosen Ort wie zu Beginn unserer Reise. Doch wir sehen Kangerlussuaq nun mit anderen Augen. Nein, es ist kein romantischer Sehnsuchtsort mit pittoresker Inuit-Kultur – es ist das Tor in eine echte, ursprüngliche und atemberaubend schöne arktische Wildnis. Und im Kopf spuken schon die ersten Pläne für weitere Grönland-Reisen …

Trekking Grönland West: Tipps & Infos

Beste Reisezeit Grönland für Trekkingtouren: Mitte Juni bis Mitte September – je nach Moskito-Affinität.

Allgemeine Informationen
Mit knapp 2,2 Millionen Quadratkilometern weist Grönland ungefähr dieselbe Fläche auf wie Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien, Großbritannien, Österreich und Dänemark zusammengenommen. Doch während sich auf diese EU-Länder knapp 340 Mio. Menschen verteilen, sind es in Grönland gerade einmal 56.000 Einwohner. Straßenverbindungen zwischen den Orten gibt es so gut wie gar nicht. Mit 17.000 Einwohnern ist die Hauptstadt Nuuk im Südwesten die ›Metropole‹ der ›Insel‹. Von 1814 bis 1953 war Grönland dänische Kolonie, danach Verwaltungsgebiet und seit dem 1. Mai 1979 offiziell ›Nation innerhalb des Königreichs Dänemark‹ und steht unter autonomer Selbstverwaltung mit eigener Regierung.

Sprachen
Grönländisch, Dänisch

Währung
Dänische Krone (1 EUR = 7,45 DKK)

Zeitunterschied
Minus 4 Std. gegenüber MEZ

Beste Reisezeit Grönland für Trekkingtouren
Mitte Juni bis Mitte September (je nach Moskito-Affinität). Die Tagestemperaturen schwanken zwischen 8 und 25°C. Nachts kann es unter 0°C sein. Allerdings sind dies in der Region um Nuuk auch die besonders niederschlagsreichen Monate.

Charakter
Wegloses Berg- und Hügelgelände. Durch überwucherte Gletschermoränen Gefahr von Bodenlöchern. Die meisten Seen und Flüsse weisen Trinkwasserqualität auf.

Tourplanung
Es gibt nur sehr wenige Anbieter, die anspruchsvolles Trekking und Wandern in Grönlands Westen anbieten. Wer gänzlich auf eigene Faust losziehen möchte, sollte sehr erfahren in Wildnistouren und Orientierung sein.

Verpflegung
Überdurchschnittlich teuer, da bis auf Fisch, ausgewählte Fleischsorten und Eiswürfel nahezu alles importiert werden muss.

Ausrüstung
Je nachdem ob selbst- oder fremdorganisiert das volle Trekking-Programm. Tipps und Tricks zur passenden Ausrüstung findest Du auf unserer Trekking-Packliste.

Anreise
Mit dem Flugzeug via Kopenhagen (Dänemark) oder Reykjavik (Island) nach Kangerlussuaq. Optional gibt es von dort Inlandsflüge nach Nuuk und Ilulissat für Folgetouren.

Literatur/Karten
Wanderführer Arctic Circle Trail (137), Conrad Stein Verlag, EUR 12,90
Wanderkarte Westgrönland, 08: Kangerlussuaq 1:100.000, EUR 18,-

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