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Das Grüne Band wandern: Fast 1400 Kilometer entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Thorsten Hoyer hat es am Stück getan. Und nimmt uns mit auf seiner Wanderung durch die abenteuerliche und dramatische Geschichte des geteilten Deutschlands. Er erzählt von Menschen, Schicksalen und dem Naturparadies Grünes Band. Eine Zeitreise in fünf Kapiteln.

Teil 3: Lochplatte um Lochplatte durch großartige Landschaften

Zur Person: Thorsten Hoyer ist einer der bekanntesten Weitwanderer – und Mitglied der HANWAG Sole People (–> Thorsten Hoyer im Porträt). Berühmt wurde der gebürtige Hesse und Wahl-Erfurter durch seine Schlaflos-Wanderungen – und durch die hier geschilderte Tour auf dem ›Grünen Band‹, die er am Stück in 24 Tagen absolvierte.

Entlang der thüringisch-bayerischen Grenze wird das Grüne Band von den Fichtenwäldern des Frankenwaldes sowie des Thüringer Waldes flankiert. Besonders eindrücklich zeigen sich die dichten dunkelgrünen Wälder vom Aussichtsturm Thüringer Warte bei Lauenstein.

Hier oben stehe ich in der Abendsonne, deren goldgelbe Strahlen einen Streifen mit deutlich hellerem Grün hervorheben. Wo sich die Grenze einst als baumlose Schneise zeigte, schwingt sich heute junger Birkenwald durch dunklen Fichtenwald. Die Abendsonne senkt sich zügig und ich komme ins Sinnieren.

Mitte September, Temperaturen von fast 30° C und so soll es auf Tage bleiben. Noch ist es hier nicht so offensichtlich wie in anderen Mittelgebirgsregionen, aber der Klimawandel zwingt den Wald dazu, sich zu verändern. Alte Strukturen sind chancenlos, haben sich überdauert und heben sich auf.

In diesem dritten Kapitel erzählt Thorsten von seiner Wanderung entlang der bayerisch-thüringischen Grenze.

»Der Klimawandel zwingt den Wald dazu, sich zu verändern.«

Thorsten Hoyer

Das Grüne Band wandern mit Thorsten Hoyer – alle Folgen im Überblick:

–> Teil 1: Warum eigentlich ›Das Grüne Band Deutschland‹?
–> Teil 2: Grenzerfahrungen am Grünen Band in Thüringen
–> Teil 3: Lochplatte um Lochplatte in Richtung Rhön
–> Teil 4: Thorstens Wegmarken zwischen Rhön und Harz
–> Teil 5: Der Ruf des Meeres und der Ruf der Freiheit

Wie mir das Grün der Birken von hier oben den Weg weist, so muss ich auch in meinem Leben die Übersicht behalten, auf Veränderungen achten und mich gegebenenfalls von alten, mitunter vielleicht sogar liebgewonnenen Wegen trennen. Solange die Entscheidungen nicht aufgezwungen sind, bereiten sie mir Freude und geben mir Freiheit.

Mit Öffnung der innerdeutschen Grenze zog sich ein fast 1400 km langer und bis zu 500 m breiter Korridor durch Deutschland, der rund vier Jahrzehnte weitestgehend sich selbst überlassen blieb. Dass auch die angrenzenden Gebiete nur mit Sondergenehmigungen zugänglich waren, war zwar eine Last für die Anwohner, aber ein Segen für Flora und Fauna.

So konnte sich der eigentliche Grenzstreifen zu einem einzigartigen Naturraum entwickeln, der mit der Grenzöffnung zugänglich wurde, zugleich aber auch der Gefahr neuerlicher Nutzung ausgesetzt war. Was den Menschen die ersehnte Freiheit brachte, drohte zur Gefahr für die empfindlichen Ökosysteme zu werden.

Entlang der Landesgrenze zwischen Sonneberg und Coburg ist der ehemalige Grenzstreifen noch deutlich zu sehen: als breite Schneise im Wald.

Zahlreiche Informationen zum Grünen Band findest Du auf der Website des BUND.

Prof. Dr. Kai Frobel erkannte als erster die Notwendigkeit, das Gebiet unter dauerhaften Schutz zu stellen, und trommelte noch im Jahr 1989 alle wichtigen Akteure aus beiden deutschen Staaten an einen Tisch. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das Grüne Band Deutschland heute als wertvolles Ökosystem mit einer außergewöhnlichen Artenvielfalt erlebbar ist.

Noch während meiner Wanderung wurde das gesamte Grüne Band Deutschland seitens des Umweltministeriums zum Nationalen Naturmonument erklärt und Prof. Dr. Kai Frobel für eben dieses Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Gepflegt wandern auf dem Grünen Band

Mit diesen Pflegetipps hast Du lange Freude an Deinen Wanderschuhen – die 1400 km des Grünen Bands und noch weit darüber hinaus!

Zum Artikel

»Ich folge beständig dem Kolonnenweg, Lochplatte um Lochplatte.«

Thorsten Hoyer

Ich folge beständig dem Kolonnenweg, Lochplatte um Lochplatte. Jetzt in der zweiten Septemberwoche klettert die Temperatur nochmal auf über 30° C. In der Region Coburg/Rennsteig ist das Grüne Band deutlich sichtbar: ein breiter Streifen aus sandigen Böden mit Heideflächen und dem perfekt erhaltenen schattenlosen Kolonnenweg, auf dem ich bereits seit Tagen keinen einzigen Menschen getroffen habe. Dafür begleiten mich von früh bis spät die Rufe der Bussarde.

Dörfer und Städte liegen zumeist weit ab, meine Wasservorräte muss ich somit sehr gut einteilen. Die Sonne knallt vom makellos blauen Himmel, und in Ermangelung einer geeigneten Kopfbedeckung spanne ich kurzerhand meinen Regenschirm auf. Irgendwann fange ich an, die Löcher in den Platten unter meinen Füßen als florale Kleinodien wahrzunehmen. Weichen die Wälder dem Grünen Band, schaue ich über abgeerntete Felder. In der Ferne dreht ein Landwirt seine Runden und wirbelt mächtig Staub vom ausgetrockneten Acker auf.

Aus größerer Entfernung vernehme ich das Geläut einer Kirchenglocke. Ich halte inne, nutze die Kante ›meiner‹ Lochplatte als Sitz und krame ein paar Nüsse aus dem Rucksack. Ich schließe die Augen und erinnere mich an einen Moment in meiner Kindheit, als ich an einem warmen Sommertag mit unserem Hund am Rande meines Heimatdorfes im Gras sitze und dem gleichmäßigen Schlagen der Kirchenglocke lausche.

Aber weder für das Sitzen noch für das Gehen ist so ein Kolonnenweg bequem. Die Löcher sowie die überwucherten Kanten erfordern Aufmerksamkeit. Ein falscher Tritt ist schnell gemacht und schon ist man umgeknickt.

Dass mein rechter Schuh inzwischen mit einer ›Narbe‹ geziert ist, ist einem Fehltritt geschuldet. Auch wenn ich Dank Schuhgröße 46 einen gewissen Rhythmus beim Lochplattentreten gefunden habe, ist der permanent betonharte Untergrund eine Provokation für die Füße. Der Kolonnenweg ist kein Sonntagsspaziergang, vielleicht muss er wehtun. Jahrzehnte lang hat die Grenze viel zu vielen Menschen Schmerzen bereitet. Aufgeben werde ich nicht.

Mit ›Flow‹ in die Rhön

Spätestens mit dem Erreichen der Rhön bin ich im ›Flow‹ und der tägliche Rhythmus von Wandern, Essen, Schlafen ist Routine. Ganz unroutiniert ist mein Erstaunen darüber, wie sich auf meinen täglichen Etappen die Landschaften verändern. Und wie viel Raum sich mit den eigenen Füßen entdecken lässt.

Trotz meiner rund 50 Tageskilometer fällt es mir nicht schwer, die Landschaften wahrzunehmen, mich selbst in deren Unterschiedlichkeit zu spüren. Ich gehe zwar lange, aber in der mir eigenen Geschwindigkeit. Das ist meine Freiheit.

Mit Thorsten Hoyer auf dem Grünen Band: Zum nächsten Kapitel

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